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16. Nozizeption und Schmerz
In Kürze
SchmerzSchmerz ist eine eigenständige Sinnesmodalität, die über das nozizeptive System vermittelt wird.
- Akute Schmerzen werden durch gewebeschädigende oder potenziell gewebeschädigende Reize (Noxen) ausgelöst.
- Akute Schmerzen sind in der Regel mit einem unlustbetonten Gefühlserlebnis verknüpft.
- Akute Schmerzen wirken deshalb als ein Antrieb zur Vermeidung.
- Eine einfache Klassifizierung des Schmerzes ist nach dem Ort seiner Entstehung (somatischer und viszeraler Schmerz etc.) möglich.
- Schmerzen, die mehr als 6 Monate anhalten oder immer wiederkehren, werden als chronische Schmerzen bezeichnet.
Bewertung von Schmerzen
Bei der Bewertung von Schmerzen
- sind in wechselndem Ausmaß die sensorische, die affektive, die vegetative und die motorische Komponente beteiligt;
- kommt es entscheidend auf den Vergleich der aktuellen Schmerzen mit den im Schmerzgedächtnis gespeicherten Vorerfahrungen an;
- sind auch soziale Faktoren (Partnerschaft, Belastungen etc) beteiligt.
Das Messen von Schmerzen
- erfolgt einmal mit den klassischen Methoden der Psychophysik als subjektive Algesimetrie;
- erfolgt als objektive Algesimetrie mit der Messung motorischer und vegetativer Reaktionen und von evozierten Hirnrindenpotenzialen;
- bedient sich in der klinischen Algesimetrie Verhältnisschätzmethoden (z. B. visuelle Analogskala, VAS) und Fragebögen.
Nozizeptoren
- sind nicht-korpuskuläre freie Nervenendigungen;
- antworten zum Großteil polymodal auf diverse noxische Reize;
- sind z. T. auf eine Modalität spezialisiert (z. B. Hitzenozizeptoren, Mechanonozizeptoren);
- haben keine konstante Schwelle, sondern können sensibilisiert (z. B. bei Entzündungen) und desensibilisiert (z. B. durch Analgetika) werden;
- haben durch die Freisetzung von Peptiden auch efferente Wirkungen (neurogene Entzündung);
- haben für die verschiedenen noxischen Reize spezielle Membranrezeptoren wie z. B. den Vanilloidrezeptor aus der TRP-Familie;
- haben z. T. so hohe Schwellen, dass sie in normalem Gewebe unerregbar sind (schlafende Nozizeptoren);
- haben eine Untergruppe, die als Juckrezeptoren dienen.
Die zentrale Verarbeitung noxischer Signale
- beginnt im Hinterhorn des Rückenmarks, wo die nozizeptiven Afferenzen auf Neurone aufgeschaltet werden, die in motorische und vegetative Reflexe eingebunden sind und/oder zum Thalamus und Kortex ziehen;
- erfolgt im Rückenmark unter Beteiligung von Glutamat als erregendem und GABA und Glyzin als hemmenden Transmitter, die praktisch alle mit Peptiden kolokalisiert sind;
- setzt sich mit der Weiterleitung der noxischen Signale in den Thalamus über die lateralen und medialen thalamokortikalen Bahnen fort;
- ist durch absteigende schmerzhemmende Bahnen kontrolliert, an denen auch die endogenen Opiate beteiligt sind.
Sensibilisierung und Plastizität im zentralen nozizeptiven System
- sind oft eine Folge der peripheren Sensibilisierung von Nozizeptoren;
- können zu Allodynie führen, d. h. zu einer Überempfindlichkeit auf Berührung durch nicht-noxische Reize;
- kann zu Hyperalgesie führen, d. h. zu einer erhöhten Empfindlichkeit auf noxische Reize;
- kann auch eine Hyperpathie auslösen, v. a. bei repetitiver Reizung.
Phantomschmerzen
- müssen im Gehirn entstehen, da sie auch ohne Afferenzen zum Gehirn bestehen bleiben;
- führen in und außerhalb des rezeptiven Feldes zu massiven Änderungen des Entladungsverhaltens der Neurone;
- bewirken eine kortikale Reorganisation, bei der sich bei Handamputierten das Gesichtsareal in das Handareal verschiebt.
Chronische Schmerzzustände
Eine große Rolle bei chronischen Schmerzzuständen spielen
- Reaktionsstereotypien mit Hypererregbarkeit einzelner Körpergebiete auf persönliche Stressreize,
- mangelnde Wahrnehmung der Hypererregungen,
- klassische Konditionierung der Reaktionsstereotypien.
Lernprozesse beeinflussen zusätzlich chronischen Schmerz über
- gelernte Stress-Analgesie,
- operantes Lernen,
- negative Verstärkung und Schonhaltungen.
Neuronale Grundlagen des Schmerzgedächtnisses
Die neuronalen Grundlagen des Schmerzgedächtnisses sind nicht anders als die aller übrigen Lernprozesse. NMDA-Rezeptorbindungen und Langzeitpotenzierung sind besonders wichtig.
Schmerztherapien
Pharmakologische Schmerztherapien benutzen
- nicht-narkotische Schmerzmittel, v. a. nichtstereoidale Analgetika,
- Morphin,
- Psychopharmaka,
- Lokalanästhesien.
Physikalische Schmerztherapien benutzen
- Ruhe und Entspannung,
- funktionelle Bewegung und Sport,
- elektrische Nervenreizung,
- Akupunktur,
- Nervenläsionen.
Psychologische Schmerztherapien bestehen aus
- Verhaltensanalyse,
- EMG- und Temperaturbiofeedback,
- operanter Therapie,
- kognitiver Therapie.