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12. Gruppenpsychologie: Grundlegende Prinzipien

Phänomenologie von Gruppen - Individuen in Gruppen - Entwicklung und Struktur der Gruppe - Gruppen in ihrer Umwelt

In Kürze

  • 12.1 Einleitung
  • 12.2 Phänomenologie von Gruppen
  • 12.3 Analyse auf dem individuellen Niveau: Individuen in Gruppen
  • 12.4 Analyse auf dem Gruppenniveau: Entwicklung und Struktur der Gruppe
  • 12.5 Analyse auf dem Intergruppenniveau: Gruppen in ihrer Umwelt

 

Ajax-Fans in der U-Bahn

 

  • Nehmen Sie als Beispiel eine Gruppe der Fans von Ajax Amsterdam in der U-Bahn. Der einzelne Ajax-Fan freut sich wahrscheinlich auf ein unterhaltsames und vergnügliches Fußballspiel. Es gibt jedoch noch einen anderen Aspekt. »Richtige« Fußballfans identifizieren  sich stark mit ihrer Mannschaft: Sie sind stolz, wenn sie gewinnt; und sie sind traurig und deprimiert, wenn sie verliert. Ein Ajax-Fan zu sein ist Teil ihrer Identität, und ihr Selbstwertgefühl leitet sich aus dem Erfolg der Mannschaft ab. Wenn nun ein einzelner Ajax-Fan in die U-Bahn kommt, wird er wissen, was er erwarten kann: Wenn man sich ein Fußballspiel ansieht, dann gehört Singen und Schreien dazu. Weil die meisten anderen Menschen in der U-Bahn Ajax-Fans sind und weil sie ähnliche Erwartungen haben, wird das Verhalten normativ: Es wird für angemessen gehalten. Aber der einzige Grund dafür, dass dieses Verhalten als angemessen (oder zumindest als akzeptabel) angesehen wird, ist der Kontext: Ajax wird gegen eine andere Mannschaft spielen. Dies macht die Gruppenmitgliedschaft salient und beeinflusst die Wahrnehmung der Gruppennormen. Somit wird das Verhalten in der U-Bahn durch individuelle Erwartungen (individuelles Niveau) hervorgerufen. Diese werden von den Fans geteilt; die gemeinsamen Erwartungen stellen die Verhaltensnormen dar (Gruppenniveau) und stehen in einem Kontext, der die Gruppenmitgliedschaft salient macht (Kontextniveau).

Warum (und wie) bilden Menschen Gruppen?

  • Eine Gruppe existiert, wenn zwei oder mehr Menschen sich selbst als Mitglieder einer Gruppe definieren.
  • Es gibt soziobiologische (evolutionär vererbte), kognitive (unsere Welt verstehen) und instrumentelle Gründe (Nutzen aus etwas ziehen), warum Menschen Gruppen bilden, ihnen beitreten und sie unterscheiden.Unterschiedliche Arten von Gruppen wie aufgabenbezogene Gruppen, Gruppen mit Intimität, soziale Kategorien und lockere Verbindungen unterscheiden sich im Hinblick auf eine Reihe wichtiger Dimensionen wie Gruppenentitativität, Bedeutsamkeit und gemeinsame Ziele.
  • Gruppenmitglieder durchlaufen unterschiedliche Stadien der Gruppenmitgliedschaft (künftiges Mitglied, neues Mitglied, Vollmitglied, randständiges Mitglied, Exmitglied), die durch Rollenübergänge voneinander abgegrenzt sind; diese verschiedenen Stadien lassen sich durch unterschiedliche Niveaus der Festlegung auf die Gruppe unterscheiden.
  • Der Rollenübergang des Eintritts kann durch ein hartes Übergangsritual markiert sein. Eine klassische Erklärung für diese Rituale gibt die Dissonanztheorie, in der argumentiert wird, dass harte Rituale die Festlegung auf die Gruppe steigern.
  • Eine wichtige Determinante für die Offenheit einer Gruppe ist das Niveau der Annäherung an die optimale Mitgliederzahl: Es ist leichter, in einer zahlenmäßig ausgezehrten Gruppe Mitglied zu werden als in einer überfüllten.
  • Der Ausschluss aus Gruppen kann zu heftigem Ärger und zu Depression führen.
  • Gruppen entwickeln sich im Laufe der Zeit, weil sich die Herausforderungen, mit denen sie sich konfrontiert sehen, und die Ziele, die sie verfolgen, mit der Zeit ändern. In der klassischen Stadientheorie von Tuckman werden fünf Stadien unterschieden: Herausbilden, Stürmen, Normenbilden, Leisten und Abschließen.

Was passiert in einer Gruppe?

  • Die Interaktionsprozessanalyse (IPA) ist ein nützliches Kodierungsschema für Gruppeninteraktionen. Sie macht eine grundlegende Unterscheidung zwischen sozioemotionalen und aufgabenbezogenen Verhaltensweisen.
  • Gruppen entwickeln gemeinsame Kognitionen wie etwa transaktive Gedächtnissysteme (also zu wissen, wer was weiß) und gemeinsame Emotionen.
  • Kohäsion beruht auf der Attraktivität der Gruppe (interpersonelle Kohäsion) oder auf der Attraktivität der Gruppenaufgabe (aufgabenbezogene Kohäsion). Im Allgemeinen motiviert Kohäsion die Gruppenmitglieder, Anstrengungen für Angelegenheiten aufzuwenden, die für die Gruppe wichtig sind.
  • In Gruppen entwickeln sich Status- und Rollenunterschiede. Die Theorie der Erwartungszustände erklärt das Aufkommen einer Statusstruktur in einer Gruppe. Die Theorie postuliert, dass bestimmte Statuskennzeichen zu Leistungserwartungen führen, die später Unterschiede in Bezug auf Status und Einfluss zur Folge haben.
  • Die Anwesenheit anderer Gruppen kann die Gruppenmitgliedschaft salient machen. Infolgedessen werden die Gruppenmitglieder stärker von ihrer Gruppenmitgliedschaft beeinflusst.

Material

In Kürze
Zusammenfassung des Kapitels
Glossar
Die wichtigsten Fachbegriffe schlüssig erklärt
Memocards
Lernen Sie mit unseren Memocards die wichtigsten Begriffe der Sozialpsychologie
Memocards Deutsch/Englisch
Man spricht Englisch - zumindest in der Wissenschaft: Hier können Sie die Übersetzungen der wichtigsten Fachbegriffe lernen.
Verständnisfragen
Haben Sie den Stoff schon drauf? Hier können Sie Ihr Wissen überprüfen.
MC-Quiz (1/1)
Lesen, lernen und jetzt in unseren Multiple-Choice-Quiz das Kreuzchen an der richtigen Stelle machen.
Links
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